Presbyterforum am 18.9.2018 im Tillmann-Siebel-Haus in Freudenberg

Die Gestaltung der Kirche ist ein geistlicher Weg
Dechant Karl-Hans Köhle referierte auf evangelischem Presbyterforum

Die Herausforderungen für die beiden großen Kirchen in Deutschland sind ähnlich. Gemeindeglieder sterben weg. Durch Kirchenaustritte machen Menschen ihrem Unmut Luft. Auf geistliche Berufe lassen sich zu wenige Gemeindeglieder ein. Immer weniger Pfarrer sind für immer mehr Menschen zuständig. Der Gottesdienstbesuch lässt nicht selten zu wünschen übrig. Ein Traditionsabbruch ist zu verzeichnen. Mit dieser Situation müssen sowohl die katholische wie auch die evangelischen Kirchen umgehen. Das Dekanat Siegen ist eingebunden in den Prozess des Erzbistums Paderborn und der Evangelische Kirchenkreis Siegen ist mit seinen 29 Gemeinden in einem Gestaltungsprozess unterwegs. Was liegt näher, als voneinander zu erfahren?

Daher hatte der Kreissynodalvorstand des Kirchenkreises Siegen auf Anregung des Synodalen Ausschusses für Gemeindeentwicklung zu seinem 6. Forum für Presbyterinnen und Presbyter am vergangenen Dienstag (18. September 2018) Dechant Karl-Hans Köhle als Referent eingeladen. Im evangelischen Tillmann-Siebel-Haus in Freudenberg referierte der katholische Geistliche vor etwa 80 Presbytern und schilderte die Vorgehensweise der Umgestaltung im Erzbistum Paderborn, zu dem das Dekanat Siegen gehört.

Deutlich wurde, um es vorweg zu sagen, dass die räumliche und personelle Umgestaltung der Dekanate und Gemeinden vom Bistum als ein geistlicher Weg gesehen wird, auf dem man möglichst  gemeinsam überlegt, was zu tun ist. Köhle: „Wir wollten nicht zuerst nach Strukturen schauen, sondern stellten die Frage, wie wollen wir als Kirche leben.“  Dazu gehört das Gebet. Für den katholischen Pfarrer ist Beten die Grundlage allen pastoralen Tuns.

Als biblischen Bezug wählte Köhle den sinkenden Petrus und die Jünger auf dem See. Jesus sagte zu ihnen: „Habt Vertrauen, ich bin es; fürchtet euch nicht!“ (Mt. 14, 27) Das Vertrauen auf Jesus Christus bezeichnete der Dechant als Basis „für unser Leben und unseren Glauben in der Gegenwart.“

Das Zukunftsbild der katholischen Kirche wird bestimmt von den Begriffen Berufung, Aufbruch und Zukunft. Die Gemeindeglieder sollen neu ihre Berufung und die damit verbundene Würde erkennen. Sie sollen sich zutrauen, Kirche am Ort zu sein. Dabei helfen die Priester mit den Sakramenten, insbesondere der Eucharistie.

Der 2004, kurz nach dem Amtsantritt von Erzbischof Becker, begonnene Prozess, in den die Gemeinden eingebunden sind, benennt auch Orte der Evangelisierung wie Klöster, Caritas oder Kindertageseinrichtungen. Deutlich hervorgehoben wurde, dass die Pfarreien nicht hinfällig seien, sondern eine große Formbarkeit besäßen. Nötig seien Menschen mit Leidenschaft und Vision. Köhle bezog sich auf Papst Franziskus, der sich für mehr Evangelisierung als Selbstbewahrung ausgesprochen habe. Alles müsse missionarischer werden als ständige Haltung des Aufbruchs. Kirche sei eine Kirche der Mission und nicht der kirchlichen Introversion.

Die Überlegungen zum Zukunftsbild hätten mit der Frage begonnen: Wozu bist du da, Kirche in Paderborn. Diese Überlegungen seien im Dialog befördert worden, hätten eine synodale Strukturierung erhalten und eine Konsolidation erfahren.

Dass der Prozess von christlichen Inhalten bestimmt ist und nicht nur organisationstechnisch, wird durch Handlungsmaximen deutlich, die von den Gemeindegliedern gelebt werden sollen. Dazu gehört beispielsweise den Ruf Gottes wahrzunehmen, Jesus Christus entschieden zu bekennen, Vertrauen zu schenken und Verantwortung zu übernehmen, Vielfalt zu ermöglichen und Wachstum zu fördern sowie Entscheidungen durch Beteiligung und geistliche Inspiration herbeizuführen. Die Berufung, so Köhle, sei ein wichtiger Begriff im Prozess.

2019-2021 entsteht im Dekanat Siegen ein weiterer Pastoraler Raum, der die drei aktuellen Siegener Pastoralverbünde (incl. Freudenberg) Siegen und Freudenberg umfasst. Geleitet wird er von einem Pfarrer mit einem Team. In verschiedenen Beratungseinheiten wird dies miteinander vorbereitet. Dabei geht es auch um die Diskussion neuer Orte und Wege der Kirche und die Entdeckung von Charismen, die für die Kirche eingesetzt werden. Deutlich wurde, dass die Gemeindeglieder in der katholischen Kirche auch weiterhin gefordert sind, ihre Berufung als Christ zu leben. Da die Liturgie für die katholische Kirche wichtig ist, wurde auch in einem Liturgiekurs erarbeitet, wie kreative Liturgien den Lebensraum gestalten können. Das Motto lautet: Gott spricht zu uns.

In einer Fragerunde hob der Dechant nochmals deutlich hervor, dass es bei der Gestaltung der katholischen Kirche nicht nur um Räume und Strukturen gehe, sondern der geistliche Prozess von grundlegender Bedeutung sei. Hier gehe es um die Frage, wozu bist du da, Kirche? Darauf müsse in der katholischen Kirche gemeinsam eine Antwort gefunden werden.

Zum Abschluss seiner Ausführungen ging Dechant Köhle kurz auf weitere Aufbrüche in der weltweiten katholischen Kirche ein und nannte beispielhaft die Neubesiedelung eines Klosters in der Niederlausitz durch das Stift Heiligenkreuz bei Wien und die Benedikt-Option, die Entstehung der Gemeinschaft der Franziskaner der Erneuerung mitten in den Bronx (USA) sowie die Initiative “Mission Manifest” aus Augsburg.

Den inspirierenden Abend, auch für evangelische Ohren, beschloss Superintendent Peter-Thomas Stuberg mit einer Andacht in der Freudenberger Kirche.